Lichtverschmutzung

Die gesamte Natur ist Polarität und wir Menschen sind natürlich Teil davon. Ausatmen folgt auf Einatmen, Schlaf auf Geschäftigkeit, Tag auf Nacht und Stille auf Lärm. Nur im Gegensatz zur restlichen Natur schaffen wir Menschen es hervorragend, uns ständig dieser Polarität zu entziehen, also die Nacht zum Tag zu machen, Ruhepausen nicht einzuhalten, von allem zu viel zu konsumieren. Und ja, sogar vom Licht.

Während ich diese Zeilen schreibe, nähern wir uns wieder einmal der längsten Nacht und dem kürzesten Tag. Mutter Erde hat das Licht geschluckt und gebärt es in ein paar Tagen neu. Welch ein Ereignis wohl für unsere Vorfahren ohne elektrische Heizung und Beleuchtung. Man muss da schon vertrauen, dass die Dunkelheit immer wieder verschwindet und es wieder heller wird. So wie Kinder das gleiche Problem jeden Abend haben.

Aber – wir brauchen Dunkelheit für unsere Gesundheit. Der Körper hat dafür sogar eine eigene Hormondrüse, die so genannte Zirbeldrüse. Ganz oft wird sie auch als Drittes Auge bezeichnet und mit Intuition gleichgesetzt. Sie befindet sich im Gehirn und projiziert sich außen genau dorthin, wo man ganz allgemein hintippt, wenn man zeigen will, wo denn dieses Dritte Auge sitzt.

Ihr Hormon ist das Melatonin und dieses Hormon wird nur erzeugt, wenn es dunkel ist. Es reguliert, wann wir in die Geschlechtsreife kommen (je mehr Melatonin umso später, also je mehr Lichtverschmutzung umso früher) und hat offenbar viel mit unserer Alterung zu tun. Außerdem reguliert es unsere Anpassung an Zeiten und Rhythmen, weshalb viele es auch vorbeugend als Pille gegen Jetlag  nehmen.

Und weil es offenbar ein Anti-Aging-Hormon ist, kann man es natürlich als Nahrungsergänzung kaufen. Nicht bei uns so einfach, aber in Amerika in jedem Supermarkt.

Und hier beginnt eigentlich unser heutiger Wahnsinn:

Wir verschmutzen unsere Umwelt mit Dauerbeleuchtung (gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit trotz CO2-Diskussion geradezu abartig intensiv), benehmen uns wie die kleinen Kinder, die nicht ohne Nachtlicht einschlafen können, essen dann aber Melatonin als Kapsel.

Ich fliege in Kürze wieder nach Kenia, ein Land, das direkt unter dem Äquator liegt und daher kaum Schwankungen bei Sonnenauf- und untergang kennt. Um 6 Uhr morgens geht die Sonne auf (im Swahili beginnt damit die Zeiterfassung, es ist also Stunde eins) und geht um spätestens 19 Uhr unter. Ich habe meine Wohnung mitten im Ort, aber wenn ich vom Balkon schaue – eine Straßenlampe, drei oder vier Lichter irgendwo in der Ferne, ansonsten – schwarze Nacht. Wie unglaublich wohltuend.

Und wenn ich nach drei oder vier Wochen heimkomme fragt mich jeder, ob ich auf Kur gewesen sei. Ja – Lichtkur bzw. eben Dunkelheitskur. Macht schön. Und wunderbarer Nebeneffekt – man sieht die Sterne wieder.

Und ja, Dunkelheit kann auch Angst machen. Genauso wie Stille, Ruhe, Inaktivität. Bei all dem hat man sich selbst plötzlich als Gesellschaft, hätte also auch mal Zeit, sich auf den Regiesessel des eigenen Lebens zu setzen und zu schauen, ob das Stück, das es da auf der Bühne spielt, eigentlich noch das ist, was man sich so vorgestellt hatte. Stattdessen dröhnen wir uns mit Lärm, Licht, Shopping und Events zu.

Auch eine Kerze bringt Licht, aber ein völlig anderes als eine LED-Lichterkette auf einem Plastik-Rentier. Probieren Sie es ruhig, vielleicht kommen dann die Gedanken, aus denen man ein paar Tage später die guten Vorsätze bastelt. Solche, die man auch einhalten kann und die sinnvoll sind.

In diesem Sinne, eine schöne dunkle Zeit.