Mindset schlägt Stress
Unsere innere Haltung entscheidet darüber, ob uns Stress krank macht oder wachsen lässt.
„Hau jedem aufs Maul, der dir sagt, du hättest zu viel Stress.“ Als ich diesen Satz vor ein paar Tagen gehört habe, musste ich lachen. Denn so provokant er klingt, so viel Wahrheit steckt darin. Stress ist längst zum Feindbild geworden. Wir reden darüber, als wäre er etwas, das wir unbedingt vermeiden müssen. Aber vielleicht ist genau diese Haltung das eigentliche Problem?!
Ich kenne stressige Phasen nur zu gut. Durch Arbeit, Familie, meine Tieren und mein Engagement für Harambee gibt es Tage, an denen die To-do-Liste länger ist als der Tag selbst. Und trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich „zu viel Stress“ habe. Ich habe viel zu tun – aber ich tue Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Und genau da beginnt das Thema Mindset.
Stress ist nämlich nicht automatisch negativ. Vielmehr hängt seine Wirkung stark davon ab, wie lange er andauert (also ob wir von akutem oder chronischem Stress sprechen) und vor allem: wie wir ihn bewerten. Genau das zeigt auch die Arbeit „De-stressing Stress: The Power of Mindsets and the Art of Stressing Mindfully“ von Alia Crum (Columbia Business School) und Chris Lyddy (Case Western Reserve University). Darin wird deutlich, dass Stress sowohl schädliche als auch förderliche Effekte haben kann – und dass unser Mindset darüber entscheidet, welche Seite überwiegt.
Die Autorinnen und Autoren beschreiben sehr klar: Stress kann positive Effekte auf Gesundheit, Leistung und Wohlbefinden haben. Das widerspricht allem, was wir normalerweise hören. Denn gesellschaftlich dominiert ein anderes Bild: Stress macht krank, erschöpft und führt langfristig ins Burnout. Und ja, das kann passieren – vor allem dann, wenn wir dauerhaft über unsere Grenzen gehen und Warnsignale ignorieren.
Aber die Forschung zeigt eben auch die andere Seite. Stress kann uns fokussierter, leistungsfähiger und sogar widerstandsfähiger machen. Er aktiviert unseren Körper, schärft unsere Aufmerksamkeit und hilft uns, Herausforderungen zu meistern. Die körperliche Stressreaktion ist ja ursprünglich genau dafür gedacht, unsere Ressourcen zu bündeln, damit wir mit Anforderungen besser umgehen können.
Der entscheidende Punkt ist nicht, ob wir Stress haben – sondern wie wir ihn interpretieren. Wenn wir glauben, dass Stress uns schadet, reagieren wir oft mit Widerstand. Wir wollen ihn loswerden, vermeiden oder unterdrücken und genau das erzeugt zusätzlichen Druck – eine Art „Stress über den Stress“. Dieses Phänomen wird in der Forschung ebenfalls beschrieben: Nicht nur der Stress selbst belastet uns, sondern auch unsere Bewertung davon.
Wenn wir hingegen verstehen, dass Stress einfach ein Signal ist, wenn wir diese erkennen und wissen, wie wir damit umgehen können, dann verändert sich unsere Perspektive. Stress zeigt uns, dass uns etwas wichtig ist. Wir stressen uns nicht wegen Dingen, die uns egal sind. Er ist ein Hinweis auf unsere Werte, unsere Ziele, unsere Verantwortung. Und plötzlich wird aus dem „Gegner“ Stress ein Verbündeter.
Ich erlebe das oft im Alltag. Wenn ich mich gestresst fühle, frage ich mich nicht mehr sofort, wie ich diesen Zustand loswerde. Stattdessen frage ich: Warum ist mir das gerade so wichtig? Diese kleine Veränderung bringt mich zurück zu dem, was zählt, und gibt mir gleichzeitig Energie, dranzubleiben.
Und schließlich habe ich einen voll gepackten Werkzeugkoffer an Methoden zum Stressmanagement und zur Erholung zwischendurch. Gut so, denn mein „Stress“ ist nichts anderes als Engagement, Verantwortung und Herz – ich will ihn also gar nicht missen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass wir uns blind in Stress stürzen sollten. Wer langfristig leistungsfähig bleiben will, muss gut auf sich achten. Mentaltraining spielt hier eine zentrale Rolle. Es hilft uns, unsere Gedanken bewusst zu steuern, Stressoren zu erkennen und gesunde Strategien im Umgang mit Belastung zu entwickeln.
Denn auch das gehört zur Wahrheit: Nicht jeder Stress ist hilfreich. Dauerhafte Überforderung, fehlende Erholungsphasen und das Gefühl von Kontrollverlust können das Risiko für Burnout deutlich erhöhen. Genau deshalb ist es so wichtig, ein Gespür für die eigenen Grenzen zu entwickeln und rechtzeitig gegenzusteuern.
Ein starkes Mindset bedeutet also nicht, Stress zu ignorieren oder sich ständig zu pushen. Es bedeutet, bewusst damit umzugehen. Zu erkennen, wann Stress uns antreibt – und wann er uns ausbremst. Und vor allem: die Fähigkeit zu entwickeln, unsere Perspektive aktiv zu wählen. Sich also auch nicht von außen einreden zu lassen, dieser Stress wäre schädlich.
Die Forschung zeigt, dass genau das möglich ist. Unser Mindset ist nicht festgelegt. Es lässt sich verändern. Und schon kleine Impulse können eine große Wirkung haben. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kraft des Mentaltrainings: nicht darin, ein stressfreies Leben zu schaffen – sondern ein bewusstes. Ein Leben, in dem wir verstehen, was in uns passiert. Und in dem wir lernen, mit den Herausforderungen zu wachsen, statt an ihnen zu zerbrechen. Auch hier gilt: Wissen schützt.
Denn nein, jemandem „aufs Maul zu hauen“, der von zu viel Stress spricht, ist natürlich nicht die Lösung ;-). Vielleicht reicht es, ruhig zu sagen: Es kommt darauf an, wie du ihn siehst.
Herzliche Grüße
Sarah Eidler
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Zur oben genannten Studie:
Crum, A. J. (Columbia Business School) & Lyddy, C. (Case Western Reserve University) (2014):
De-stressing Stress: The Power of Mindsets and the Art of Stressing Mindfully.
In: Handbook of Mindfulness (Wiley-Blackwell).
Online HIER verfügbar (Stand 11.4.2026)







