Entschleunigung als Verordnung

Als meine ältere Tochter im frühen Teenageralter war, hat sie mich manchmal gebeten: „Mama, kannst du mir bitte verbieten, auf diese Party zu gehen? Ich hab so überhaupt keine Lust, aber das kann ich den anderen so nicht sagen. Wenn du es mir verbietest, dann hab ich eine gute Ausrede.“ Klingt erstmal komisch und zum Schmunzeln, aber wann haben denn wir das letzte Mal so überhaupt keine Lust gehabt, irgendwo hin zu gehen, dachten uns Tage vorher, muss das sein, und dann – wie vom Himmel gefallen – eine Migräne, Darmgrippe, Kopfschmerzen oder die Kinder erledigen es und werden schnell mal krank.

 

Was das mit der gerade herrschenden Situation weltweit zu tun hat – Corona 2020, Ausgehverbote, keine Treffen auf öffentlichem Raum mit mehr als 5 Personen, Geschäfte zu, Restaurants zu, alle großen und kleinen, wichtigen und unwichtigen Veranstaltungen abgesagt?

Nun, ich höre von ganz vielen Menschen – eigentlich wunderbar, dass man jetzt einfach mal Ruhe geben MUSS. Entschleunigung von oben verordnet, denn wir selbst haben es uns so oft vorgenommen, dann aber doch weiter gemacht im Hamsterrad.

„Kannst du es mir bitte verbieten, dass ich überall dabei sein muss? Kannst du mir bitte verbieten, schneller, höher, weiter?“

Ich selbst habe heute eine Stunde länger im Bett verbracht. Könnte ich auch an allen anderen Tagen, außer ich hab Frühdienst im Stall, tu ich aber nicht. Und kann eigentlich gar nicht sagen warum. Während ich hier schreibe, freue ich mich auf einen ruhigen Nachmittagskaffee, das Fenster ist gekippt, keine Autogeräusche, dafür aber – ich höre die ersten Frühlingsboten singen.

Eins wird man sicher sagen können, wenn alles vorbei ist – die Natur hat bestimmt sehr profitiert.

Die Stallarbeit haben wir uns aufgeteilt – wir sind ja privat und klein – natürlich fehlen mir die vielen Kinder zu ihren Reitpädagogikstunden, das Gewurl, wenn jeder was mit seinem Pferd tut, man zusammen sitzt bei einem Kaffee und fachsimpelt. Aber ehrlich – diese heilige Ruhe, wenn ich dran bin, nur Pferde und ich. Und auch keine Autos, die unbedingt in Höhe der Koppel einmal richtig den Motor aufheulen lassen müssen.

Gestern habe ich ein Posting gelesen, dass dieses erzwungene Zuhause bleiben sicher nicht gut sei, weil da viele Depressionen bekommen würden. Also, wer die schon nach 2 Wochen Ruhe daheim (warum nicht spazieren gehen allein?) bekommt, der hatte sie sicher vorher schon. Wir reden hier nicht von jahrelanger Einzelhaft bei Wasser und Brot. Wir alle verwenden viel Zeit und Energie auf ein schönes Heim, haben tolle Wohnungen  oder gar Haus mit Garten. Und sind doch ständig auf der Flucht. Plötzlich muss man sich mit seinen Kindern oder dem Partner beschäftigen, kein Ausweichen in einen Shopping-Tempel. Und seien wir ehrlich – jedes Minidorf hatte doch schon „Festspiele“, ständige Veranstaltungen, wenn man wollte, konnte man 365 Tage im Jahre aus Veranstaltungstournee sein. Wer soll das aushalten?

Witzig auch – es ist wie bei einer Diät. Nie hat man Lust auf Nutella, nur wenn es verboten ist. Auch jetzt – Menschen, die die meiste Zeit vor ihrem Computer oder Fernseher sitzen, sind die ersten, die sich darüber beschweren, dass sie nicht raus dürfen.

Und ja, ich weiß auch, viele werden sehr unter dieser Krise leiden. Selbstverständlich spreche ich hier auch nicht von denen, die wirklich krank wurden, nicht von Toten und deren Familien, denen gehört mein Mitgefühl. Ich rede von denen, die es einfach nur trifft, dass ihr Leben etwas Sand im Getriebe hatte und da werden viele  gestärkt herauskommen, mit neuen Ideen, vielleicht neuer Empathie, Augen auf, wo kann ich helfen? Krisen sind ja ein wenig so wie ein Ficus nach der Winterpause – man schüttelt kräftig, ganz viele welke Blätter fallen herunter, aber die restlichen treiben neu aus und der Baum wird schöner als vorher.

In diesem Sinne – was werden Sie „danach“ anders machen?