Inneres-Kind

Ich sitze. Einfach so. Schaue in die Luft, es gibt nichts zu tun.

Wirklich nicht? Ich merke, wie so ganz leichte Panik in mir hochkriecht. Was, wenn ich was vergessen habe? Keine Skripten zum Schreiben? Alle Hausaufgaben kontrolliert? Küche geputzt? Wäsche aufgehängt? Ich habe mir selbst mehr Ruhe verordnet. Eigentlich sollte ich sagen, das Leben hat mir das verordnet, denn ich merke seit Monaten – ja, ich werde älter. Ich schaffe mein eigenes vorgegebenes Tempo manchmal nicht mehr. Verletze mich öfter, schlafe schlechter, wache morgens auf und denke mir – hoffentlich keine Termine heute. Und eigentlich tut mir diese Ruhe sehr gut. Eigentlich. Wenn da nicht das Innere Kind wäre, das auf Perfektionismus und Aktivität gedrillt ist.

Das Innere Kind ist ein theoretisches Konzept, bei dem man sich seine kindlichen Anteile, Erfahrungen, Emotionen und Erlebnisse ins Bewusstsein holt, mit ihnen arbeitet und bei seinem Tun und Handeln neben dem erwachsenen Ich das kindliche Ich berücksichtigt.

Soweit die Theorie.

Kinder sind hilflos und übernehmen, was ihre Bezugspersonen ihnen beibringen und vorleben. Welche Werte standen ganz oben, als wir ein Kind waren. Nun, bei mir und bei vielen meiner Klienten sicher – Leistung erbringen, stark sein, fleißig sein, Verantwortung übernehmen. Verantwortung ist vor allem ein Thema, überhaupt, wenn man die älteste in einer Geschwisterreihe ist, wenn die Eltern nicht die starken Menschen sind, die einem Sicherheit geben, es ein Suchtproblem gibt zum Beispiel.

Um sich zu schützen, erlernt man bestimmte Mechanismen. Einer dieser Mechanismen ist es, zu einem Kontrollfreak zu mutieren. Wenn ich die Kontrolle habe über alles, dann kann mir nichts passieren. Kontrolle dient immer dem Streben nach Sicherheit. Dies bringt Struktur und Ruhe in eine als chaotisch empfundene Welt.

Menschen, die mit Kontrolle reagieren, haben meistens das Gefühl, alles selbst machen zu müssen, man kann sich auf niemanden verlassen (nicht einmal beim Einräumen des Geschirrspülers). Diese Menschen können nicht delegieren, haben Angst davor loszulassen und haben insgesamt ein hohes Sicherheitsbedürfnis.

Und ja, natürlich erkenne ich mich. Hallo? Ich unterrichte das.

Und daher, Handy aus, es passiert gerade nichts. Nein, ich bin nicht erreichbar. Nein, ich muss jetzt und heute keine Emails beantworten. Nein, mein Umfeld schafft das alles auch gut, ich muss nicht auf Abruf da sein. Und nein, auch kein Alibi-Sport, weil MAN das so machen muss. Nicht einmal ein Buch lesen. Und ja, das ist schwer. Ich lebe damit immerhin schon fast 63 Jahre.

Wer auch mehr darüber erfahren mag, das Thema Inneres Kind ist auch ein Kapitel in der Ausbildung „Dipl. Mentaltrainer/in.