Resilienz – mehr als nur „aushalten“

ResilienzDer Begriff „Resilienz“ leitet sich vom englischen Wort „resilience“ = Spannkraft, Elastizität ab und bezeichnet die Fähigkeit, selbst in schwierigen Lebenskrisen und nach schweren Schicksalsschlägen wieder auf die Beine zu kommen. Es handelt sich also um eine Art Schutzschirm für die Seele.   Dabei geht es nicht nur darum, dass resiliente Menschen schlimme Dinge einfach nur „aushalten“. Es geht darum, dass sie an ihrer Person keinen Schaden nehmen und sich gut entwickeln, manchmal geradezu Kraft aus nicht so guten Lebensabschnitten beziehen. So – und das war die Theorie. So unterrichte ich es im Burnoutcoach.

Viele wissen es und haben es die letzten fast zwei Wochen mitverfolgt, über meinen Mann und mich und damit auch über unsere ganze Familie ist ein großer Schicksalsschlag hereingebrochen. Während einer Routineuntersuchung wurde bei meinem Mann die Diagnose Aortenaneurysma gestellt, Notoperation, dabei leider einiges schief gegangen, mein Mann wird eventuell querschnittsgelähmt bleiben, und wir wissen noch nicht, ob die Nieren jemals wieder arbeiten werden oder ob eine Dialyse dazu kommen wird. Es ist für uns, als würde man aus einem Flugzeug springen und der Fallschirm öffnet sich nicht. Und ich denke, um hier nicht mental vollkommen aus der Bahn geworfen zu werden, braucht es genau das – Resilienz.

Mit Resilienz ist es aber so wie mit Durst. Wenn man erst anfängt, einen Brunnen zu graben, wenn man schon durstig ist, hat man schlechte Karten. Die Widerstandskraft gegenüber dem Schicksal beginnt früher, im Grunde wohl schon in der Kindheit.

Die Resilienzforschung ist noch eine sehr junge Wissenschaft, dennoch konnte man einige Gesetzmäßigkeiten erkennen, warum manche Menschen, auch Kinder, Flüchtlinge, Opfer von Gewaltverbrechen, offenbar mit ihrer Situation besser zurecht kommen als andere.

Eine stabile Kindheit gehört sicher dazu, meine war wie aus einem Lindgren-Buch, „Ferien auf Bullerbü“. Auch eine Bezugsperson braucht es, jemanden, der einen auffängt, und das müssen nicht die Eltern sein. Bei mir war es meine Großmutter, die glücklicherweise noch bis in meine Erwachsenenjahre gelebt hat. Auch Vorbilder sind nicht schlecht, bei meinem Mann war das eindeutig sein Vater, der zweimal Stalingrad überlebt hat, Granatsplitter im Körper, immer Schmerzen, nie gejammert.

Ich sehe den Weg zu mentaler Stärke in sieben Schritten:

  1. Das Gute sehen. Wie kann man das bei diesem Scherbenhaufen? Mein Mann lebt. Wir haben uns und unsere Liebe. Wir haben keine finanziellen Sorgen, auch wenn wir die Arbeit stark reduzieren. Und ich habe eine Arbeit, die ich reduzieren kann. Wir sehen plötzlich die kleinen Wunder und wissen, es muss nicht die Weltreise sein, irgendwann werden wir auf unserer Terrasse sitzen und dem Sonnenuntergang zuschauen. Vielleicht gibt es ja auch nochmals einen Monat Ferienhaus in der Toscana. Wir können vielleicht Vorbild sein für andere, vor allem für unsere Kinder.
  2. Sich stellen. Zu gern würde man vor lauter positiv denken und kämpfen die Situation verleugnen. Und wir werden kämpfen, keine Frage, die Medizin kann so viel heute. Aber wenn nicht, was müssen wir ganz praktisch bewältigen, welche barrierefreien Situationen müssen wir schaffen, welche Kosten kommen auf uns zu, von Bett über Rollstuhl bis erhöhtem Toilettensitz und Auto mit Handschaltung.
  3. Handeln.Dies hängt eng mit Punkt 2 zusammen. Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass der Sturm weiter zieht, bringt wenig. Was sind die nächsten Schritte. In meinem Fall, mir eine Auszeit nehmen von meinem Hilfsprojekt, Anträge ausfüllen für Reha und Versicherungsleistungen. Aber auch – auf meine eigene Gesundheit und körperliche und geistige Stärke schauen. Die werde ich brauchen. Daher trainiere ich jetzt seit Tagen mit einer Personaltrainerin Kraft, Rückenschule, Ausdauer, während Peter auf der Neurologie betreut wird und ebenfalls trainiert.
  4. Ressourcen aufspüren. Welches sind meine Stärken oder in diesem Fall, unsere Stärken. Wir können uns fokussieren, wir können reden miteinander, Kommunikation war immer wichtig für uns, wir haben Freunde und Familie. Wir lesen gern, wir können visualisieren und haben Übung in Meditation. Wir können uns gegenseitig Kraft geben und wissen aus früheren Krisensituationen unseres Lebens, dass wir stark sind.
  5. Muster aufgeben. Resilienz heißt Flexibilität. Man hatte sich alles so schön vorgestellt. Geht halt nicht, anderer Plan. Die Wohnung, die wir am 1. Dezember beziehen wollen, liegt im 2. Stock. Glücklicherweise hat sie einen Lift und ist barrierefrei. Wenn nicht hätte ich mich bemüht, mit einer ebenerdig zu tauschen.
  6. Beziehungen eingehen und pflegen. Oh ja, unser Freundeskreis ist groß und er ist in dieser Krise noch gewachsen. Unter diesen Punkt fällt auch, Hilfe annehmen. Und Dank Facebook kann Hilfe auch ganz virtuell sein, indem Menschen, die man noch nie gesehen hat, Energie schicken.
  7. An die Zukunft glauben. Wir haben das Vertrauen ins Leben nicht verloren. Wir werden aus den vielen Zitronen, die uns da vor die Füße geworfen wurden, sehr viel Limonade machen. Und ich bin fest überzeugt davon, dass wir dem Leben noch viele gute Seiten abgewinnen können.

Wenn wir dann in Neusiedl auf unserer Terrasse sitzen, wie auch immer, eines Tages lachen wir drüber. Oder zumindest lächeln wir.