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Ein Hoch auf die Klugscheißer!

Ein Shoutout zum Schulbeginn an alle, die gerne lernen

Niemand mag Klugscheißer – und trotzdem war ich schon immer einer. Hab ich mich damit immer überall beliebt gemacht? Sicher nicht. Aber diejenigen, die mir trotzdem zugehört haben, waren danach auf jeden Fall schlauer als vorher.

Dieser Text ist deshalb heute für alle Klugscheißer, Streber und Hermine Grangers da draußen. Für alle, die gern lernen. Die nicht nur irgendwie durchkommen, sondern wirklich verstehen wollen. Die gut sein möchten in dem, was sie tun, und bereit sind, dafür die berühmte Extrameile zu gehen. Für diejenigen, die schon alles eingepackt haben, während die anderen noch überlegen, wo ihre Schultasche eigentlich ist. Die Fragen stellen, weil sie verstehen wollen. Die freiwillig nachlesen, sich vorbereiten und in den Ferien im Freibad oder am Strand mit einem Buch in der Hand anzutreffen sind.

„Du Streber!“ ist selten als Kompliment gemeint

Wer gern lernt und gute Leistungen erbringt, macht sich damit nicht unbedingt beliebt. Manchmal genügt schon eine interessierte Frage zu viel, eine gut vorbereitete Präsentation oder die pünktlich abgegebene Hausaufgabe (die man tatsächlich selbst gemacht hat…). Schnell fällt das Wort „Streber“ – und obwohl meine Standardantwort darauf ist: „Und stolz drauf!“ – das Wort ist nicht als Lob gemeint.

Auch Hermine Granger aus Harry Potter wird nicht von allen geliebt, weil sie auf jede Frage eine Antwort weiß, Regeln ernstnimmt und gefühlt die halbe Bibliothek gelesen hat. Auf ihre Klugheit wird gern hingehackt – zumindest so lange, bis jemand ganz dringend ihre Hilfe braucht. Dann ist es plötzlich ziemlich praktisch, eine Hermine in der Nähe zu haben.

Lasst uns doch endlich aufhören, Begeisterung kleinzumachen. Niemand muss sich dafür entschuldigen, etwas wissen zu wollen. Niemand sollte absichtlich schlechter vorbereitet erscheinen, nur um nicht aufzufallen. Und niemand sollte seine Hand unten lassen, obwohl er die Antwort kennt, weil er fürchtet, sonst wieder als Besserwisser zu gelten. Oder, wie es einer meiner Schüler einmal resignierend festgestellt hat: „Frau Professor, in dieser Klasse ist es einfach nicht cool, wenn man was weiß.“ – Ich war und bin sehr stolz, dass sich das einige Zeit später tatsächlich verändert hat. (Liebe 8D, falls ihr das lest – wir sehen uns spätestens 2028 zum 10-jährigen Maturajubiläum!)

Auch die Unauffälligen brauchen Aufmerksamkeit

Im Schulalltag – und auch in Familien – richtet sich der Blick verständlicherweise oft auf jene Kinder und Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben, Unterstützung brauchen oder durch ihr Verhalten besonders auffallen. Es ist wichtig und richtig, dass sie gesehen werden und Hilfe bekommen. Aber manchmal lohnt es sich, den Blick auch ganz bewusst in die andere Richtung zu lenken. Denn dabei geraten diejenigen aus dem Blick, bei denen scheinbar ohnehin alles „läuft“. Sie erledigen ihre Aufgaben, halten sich an Vereinbarungen, lernen selbstständig und verursachen keine Probleme. Gerade weil man sich auf sie verlassen kann, bekommen sie oft weniger Aufmerksamkeit.

Doch auch sie möchten gesehen werden. Nicht nur für ihre Noten, sondern für ihre Neugier, ihre Ausdauer und ihren Einsatz. Für die zusätzlichen Gedanken, die sie sich gemacht haben. Für die Frage, die weit über den Prüfungsstoff hinausgeht. Für das Buch, das sie freiwillig gelesen haben, und für all die Zeit, in der sie an etwas gearbeitet haben, obwohl niemand sie dazu gedrängt hat. Leicht zu lernen bedeutet übrigens nicht, dass hinter einer guten Leistung keine Anstrengung steckt. Und wer gut ist, braucht nicht weniger Ermutigung. Vielleicht eine andere – aber nicht weniger. Ich weiß, wovon ich spreche.

Gut sein zu wollen ist nichts, wofür man sich schämen muss

Natürlich geht es nicht darum, immer perfekt zu sein. Kein Mensch muss überall der oder die Beste sein. (Mehr dazu auch in Episode 31 meines Podcasts „Lernen ist Abenteuer im Kopf“ zum Thema Perfektionismus.) Eine Note sagt nichts darüber aus, wie wertvoll jemand ist, und Lernen darf nicht zu einem nie endenden Wettbewerb werden. Aber zwischen ungesundem Perfektionismus und echter Begeisterung liegt ein großer Unterschied.

Es ist etwas Schönes, sich in ein Thema wirklich „reinzufuchsen“. Sorgfältig zu arbeiten. Sich vorzubereiten. Noch eine Frage zu stellen. Einen Fehler nicht als persönliche Niederlage zu sehen, sondern als Hinweis darauf, wo es noch etwas zu entdecken gibt. Und bitte, bitte seid auf euer Wissen und Können stolz! Die berühmte Extrameile zu gehen, muss dabei nicht immer spektakulär sein. Manchmal besteht sie einfach darin, zehn Minuten länger dranzubleiben, noch einmal nachzulesen, nicht die erstbeste Antwort hinzuschreiben. Oder etwas so lange zu üben, bis aus „Ich kann das nicht“ langsam ein „Ich kann das noch nicht“ und schließlich ein „Ich kann das“ wird.

Und weil Lernen nicht allen Menschen gleich leichtfällt, ist dieser letzte Satz besonders wichtig: Lernfreude und Lernerfolg sind nicht einfach angeboren oder eben nicht. Oft fehlen nur die passenden Strategien. Wer versteht, wie das eigene Gehirn funktioniert, wer verschiedene Lernwege ausprobiert und bei Bedarf gezielte Unterstützung erhält, kann plötzlich Fortschritte machen, die vorher kaum möglich schienen. (Genau hier setzt gutes Lerntraining an!)

Lernen ist wie googlen – nur krasser

Wir leben in einer Zeit, in der fast jede Information innerhalb weniger Sekunden verfügbar ist. Wir können Begriffe googeln, Erklärvideos ansehen und die künstliche Intelligenz fragen. Das ist großartig – aber eine Information gefunden zu haben, bedeutet noch lange nicht, etwas verstanden zu haben. Echtes Lernen verändert, was in unserem Kopf passiert. Neues Wissen verbindet sich mit Erfahrungen, wir erkennen Zusammenhänge und können eigene Schlüsse ziehen. Wir können Stück für Stück auf etwas aufbauen, das bereits in uns vorhanden ist, und Fragen stellen, an die wir zuvor nicht einmal gedacht hätten. Denn wer etwas gelernt hat, findet nicht bloß eine Antwort. Er oder sie kann einordnen, hinterfragen, weiterdenken und auf neue Situationen übertragen. Wissen macht uns unabhängiger. Es hilft uns, bessere Entscheidungen zu treffen, überzeugender zu argumentieren und die Welt ein Stück genauer zu verstehen. Und: Lernen hält jung!

Ein Hoch auf alle, die es wissen wollen

Kurz vor dem Beginn eines neuen Schuljahres möchte ich deshalb ganz bewusst all jene feiern, die sich auf den ersten Schultag, auf neue Hefte und Bücher, auf noch unbekannte Themen freuen. Ein Hoch auf die Kinder, die schon jetzt wissen möchten, was sie in diesem Jahr lernen werden. Auf die Jugendlichen, die Ziele haben und bereit sind, etwas dafür zu tun. Auf die Erwachsenen, die sich noch einmal für eine Ausbildung entscheiden, obwohl ihr letzter Schultag längst hinter ihnen liegt. Auf alle, die Bücher lieben, Fragen stellen, genau zuhören, Notizen machen und nicht lockerlassen, bis sie etwas verstanden haben.

Bleibt neugierig. Stellt weiterhin Fragen. Lest auch im Sommer Bücher. Bereitet euch vor. Denkt weiter. Teilt euer Wissen, wenn jemand eure Hilfe braucht – und lasst euch nicht einreden, ihr müsstet euch kleiner oder unwissender machen, damit andere sich wohler fühlen. Vielleicht seid ihr nicht immer überall beliebt. Aber ziemlich sicher ist die Welt mit euch ein kleines bisschen schlauer als ohne euch. Denn Lernen ist Abenteuer im Kopf.

Herzliche Grüße

Mag. Sarah Eidler

PS: Vielleicht erkennst du dich in diesem Text wieder – und möchtest nicht nur selbst gern lernen, sondern auch Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, ihre eigenen Zugänge zum Lernen zu entdecken. In unserer Ausbildung Dipl. Lerntrainer/in beschäftigst du dich unter anderem mit Gehirn und Gedächtnis, Konzentration, Entwicklungspsychologie, multisensorischem und bewegtem Lernen sowie vielen Methoden, die sich direkt in der Praxis einsetzen lassen. Für Absolventinnen und Absolventen, die zusätzlich mit Themen wie Motivation, Resilienz, oder Emotionsregulation arbeiten möchten, bietet die Kursleitung Kinder- und Jugendmentaltraining eine passende Spezialisierung.

Denn vielleicht braucht es manchmal genau einen leidenschaftlichen Klugscheißer, um einem Kind zu zeigen, dass Lernen viel mehr sein kann als Schulnoten und Hausaufgaben: nämlich ein Abenteuer im Kopf.