Muskelarbeit

Muskeln. Das sind doch die Gebilde, die man in Muckibuden trainiert, oder? Muskeln brauchen wir zum Rennen, Springen, Tanzen. Manche wissen aus Diätbüchern auch noch, dass man mit mehr Muskeln mehr essen kann, weil sie von allen Organsystemen die meisten Kalorien verbrauchen. Das war’s dann aber auch schon, oder?

Oh nein, all das ist nur der allerkleinste Teil dessen, was Muskeln den ganzen Tag so tun. Wären sie nur dafür da, könnte man ja noch sagen – gut, dann bewege ich mich halt wenig und abnehmen ist auch nicht mein Thema, warum also Muskeln?

Die Hauptleistung von Muskeln ist – sie erzeugen Wärme. Sie sorgen dafür, dass wir auch an einem sehr kalten Wintertag unsere doch angenehm kuschelige Kerntemperatur gut halten können. Anders als eine Schlange oder Eidechse, die darauf warten muss, dass die Sonne irgendwann wieder scheint. Wir sind sogenannte Warmblüter, nicht zu verwechseln mit Hitzkopf;-))

Eine weitere überaus wichtige Aufgabe sehe ich täglich, wenn ich meinen Mann beim Training helfe. Mein Mann ist – wie manche ja wissen – seit drei Jahren querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Nur dass wir uns beide damit nicht einfach abfinden. Mein Mann trainiert täglich das Aufstehen, trainiert alle Muskeln, die sonst beim Sitzen schnell verkümmern würden, wissend, die sind es, die ihn irgendwann mal wieder in die Senkrechte befördern, ihn dort halten und vielleicht eines Tages wieder in die Bewegung des Gehens bringen.

Dazu trainiert er auch an einem sogenannten Stehtrainer, ein martialisch anmutendes Gerät, an dem er sich hochstemmt und zieht, vorne werden die Knie so fixiert, dass er nicht umfällt und hinten schließe ich einen Bügel, der verhindert, dass er nach hinten weg kippt. Und dann steht man einfach.

Einfach?

Ich erinnere  mich, vor drei Jahren erster Versuch – knappe 30 Sekunden. Dann kippte mal der Kreislauf weg. Heute sind wir auf regelmäßig 30 Minuten, nur an manchen Tagen bricht er vorher ab.

Und was ich da sehe, ist nicht einfach stehen, es ist stehen gegen die Schwerkraft. Nach Wärmeerzeugung die zweite Hauptaufgabe unserer Muskeln noch lange vor Marathon, Weitsprung oder Tanzen. Den Körper des Menschen gegen die Schwerkraft einfach aufrecht zu halten. Und ich merke, welche unglaubliche Kraftanstrengung das ist, wie viele große und kleine Muskeln da beteiligt sind. Wenn nur irgendwo so ein Winzling aus einer unteren Schicht seinen Job nicht macht – keine Chance. Mein Mann keucht und schwitzt und zittert und stöhnt und ist danach Schweiß gebadet.

Und dieses Muskeltraining ist wie schwimmen gegen den Strom. Ein paar Tage nichts machen und es bilden sich sofort wieder Muskeln zurück, weil der immer auf Energiesparmodus programmierte Mensch alles, was nicht verwendet wird, still legt. Gehirn übrigens auch.

Muskelabbau  beginnt bereits ab 30. Und nicht umsonst sagt man heute – „Sitzen ist das neue Rauchen“. Wer sitzt, verbraucht kaum noch Muskeln. Wer steht aber schon, siehe oben.

Daher die gute Nachricht nun, simples immer wieder Stehen ist bereits ein hervorragendes Muskeltraining. Aufstehen vom Computer, ein paar Meter gehen ins andere Zimmer oder zur Kaffeemaschine, alle 30 Minuten möglichst. Ich hab mir auch schon vor Jahren angewöhnt, immer wieder stehend und gehend ein Buch zu lesen. Was dann auch gleich etwas gegen die Stilllegung des anderen wichtigen Organs beiträgt – des Gehirns. Beides unterscheidet uns ja angeblich vom Tier, der aufrechte Gang und unser großes Gehirn.

Daher – gleich mal aufstehen und diesen Artikel nochmals lesen.