Stabile Beweglichkeit

Ich bin ja ein Mensch mit einem ausgesprochen gespaltenen Verhältnis zu Eigentum. Wahrscheinlich ein Grund, warum bei meinem geplanten Haus in Kenia nichts weiter geht, weil ich nie zu 100% überzeugt bin, dass ich irgendwo in meinem Leben vollends Wurzeln schlagen möchte. Weil die Vorstellung, dass ich auch nur einen einzigen Schritt davon abhängig mache, was wird dann aus meinem Haus, meinem Grundstück, meiner Wohnung, meinem Auto, für mich eine belastende ist. Bei jedem noch so albernen Test kam am Ende bei mir immer schon als höchstes Gut heraus – Freiheit.

Aber es geht nicht nur um Besitz, wobei man hier am deutlichsten sehen kann, in welche Abhängigkeit Menschen sich freiwillig begeben. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie wenig Zivilcourage Menschen an den Tag legen würden, wenn als Strafe beispielsweise Jobverlust stehen würde. Merkt man ja schon daran – niemand mag mehr eine Entscheidung treffen und die Verantwortung übernehmen. Lieber schiebt man ein Problem im Kreis herum, in der Hoffnung, dass es sich von alleine löst. Dabei geht es bei den meisten heutigen Entscheidungen einfach um nichts.

Ich bin sehr gern flexibel, sortiere immer mal wieder aus in meinem Leben, nicht nur den Kleiderschrank. Auch Menschen, wenn es nicht mehr passt. Aber auch berufliche Korrekturen so wie jetzt nach 17 Jahren. Und immer, wirklich immer kommt nach solch einer Entscheidung das Gefühl von – ich kann wieder atmen, ich kann fliegen. Und es setzt unglaubliche Energien frei.

Ich merke dies auch bei meinen Kursteilnehmern. Wer sich entschieden hat, einen anderen Beruf zu erlernen, heraus zu kommen aus der eingefahrenen Schiene des Lebens, der empfindet meistens eine große Erleichterung. Nein, die wenigstens kündigen ihren Beruf, warum auch. Aber sie könnten. Der Blick über den Zaun, die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe ist, wo man am Rand herunter fällt ins Nichts, dass es immer weiter geht und das Ende nur der Horizont ist und das in jedem Alter – das ist wirklich frei sein.

Dieses Gefühl von – ich kann jederzeit weg, heißt aber nicht, dass man keine Werte hat. Gerade weil man die hat, sollte man nicht stumm leiden, wenn es nicht mehr passt, sondern bereit sein, etwas Neues zu beginnen, eben auch – neue Kurse, neuer Job, wieder am Anfang stehen ein Leben lang. Das ist nämlich das, was wir alle so gern mit authentisch bezeichnen.

Soziale Netzwerke sind übrigens ein sehr guter Indikator dafür, wie „überparteilich“ und wie frei man ist. Wie sieht deine Freundesliste aus? Kommen alle aus der gleichen geistigen Ecke, alles gleicher Beruf, gleiche Hobbys, gleiche Firma? Das würde mir zu denken geben. Ich hab in meinem Leben wirklich schon viel gemacht. Und nach jedem großen Kurswechsel, sind alte Freunde geblieben und neue dazu gekommen. Und diese Mischung liebe ich sehr. Und was ich auch bemerkt habe, es sind fast alle wesentlich jünger als ich. Schön.

Etwas Neues lernen kann daher auch bedeuten – ich begebe mich in eine neue Gruppe Menschen, beschäftige mich mit neuen Ideen, werde vielleicht auch mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert und muss wieder selbst denken.

Wäre das so schlecht?